20.05.2011 Interview: webbaw & Chinchiller









Mit der S-Bahn geht es von Stuttgart aus nach Waiblingen. Von dort mit dem Regio weiter über Schorndorf nach Urbach. Ein gutgelaunter webbaw holt mich dort pünktlich in seinem türkisfarbigen Ford Ka ab. Wir fahren nach Lorch, wo Chinchiller in einer gemütlichen 3-Zimmer-Wohnung lebt.

webbaw & Chinchiller sind diese Art von Rapper, die der deutsche HipHop braucht. Sie sind keine bekannten Rapstars, werden es vermutlich auch nie sein, aber sie haben sich schon vor sehr vielen Jahren HipHop auf ihre Fahnen geschrieben und werden dem Ding auch in Zukunft die Treue halten. Und darunter verstehen die beiden mehr als nur drei kostenlose Mixtapes pro Jahr auf ihrer Facebook-Seite anzubieten. Darunter verstehen die beiden Mittzwanziger auch Jams zu veranstalten, Blogs über unsere (Jugend-)Kultur zu pflegen oder (immer noch) voller Stolz breite Hosen und Hoodies zu tragen.
webbaw brachte vor einigen Monaten zusammen mit dem Beatbastler Dub’L P das Album „Momente der Erkenntnisse“ über das Internet heraus. Chinchiller ging einen ähnlichen Weg und veröffentlichte zusammen mit dem aus Niedersachsen stammenden Producer Tim Tonic „Die zwanzig Minuten EP“. HipHop-Sound im klassischsten Sinne.

Ihr habt vor etwa acht Jahren mit dem Rappen begonnen? Wie unterscheidet sich eure damalige Herangehensweisen von der heutigen?

webbaw: Damals hast du halt geschrieben, weil du Bock drauf hattest. Heute steht eher ein Konzept dahinter. Früher habe ich oft einfach nur was hingeschrieben und geschaut, ob das mit dem Rappen funktioniert. Heutzutage machst du dir viel mehr Gedanken über einen Track. Da gehst du an ein Album ran und überlegst, was du noch für Lieder brauchst.

Chinchiller: Bei mir war das damals so, dass ich geschrieben und geschrieben habe. Hatte ich dann 16 Tracks, habe ich ein Album rausgehauen. Heute macht man sich einfach mehr Gedanken. Ab 2007 habe ich mir gesagt, dass Musik für mich Entertainment ist und deshalb will ich die Leute unterhalten. Da muss man dann entweder ein breites Spektrum anbieten oder sich eben mit einer Sache beschäftigen, die es so noch nicht gibt.

Ich zitiere aus der neuen Chinchiller-EP: „Zusammen mit Tim Tonic zeig ich den ganzen Noobs im Internet was wahrer HipHop ist.“ Glaubt ihr, dass euch das Internetzeitalter mit der Möglichkeit regelmäßig Songs rauszuhauen ein Stück weit die Motivation gibt, die ihr braucht, um am Ball zu bleiben?

webbaw: Bei mir jetzt nicht unbedingt. Ich mach ja auch viele Tracks, die ich gar nicht veröffentliche.

Chinchiller: Gäbe es das Internet nicht, würden wir halt wieder back to the roots gehen. So wie es früher war. Das Zeug auf Jams an den Mann bringen. Das war damals ja auch möglich.

webbaw: So viele Leute wie durch das Internet würde man wahrscheinlich nicht erreichen, aber es würde definitiv nichts an der Motivation ändern.

Chinchiller: Ja, es ist heute halt einfacher.

Doch nicht nur HipHop und Rap-Musik spielen im Leben der beiden Vollblut-Reimer eine Rolle. Chinchiller ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann. Nebenher besucht er die Abendschule. webbaw ist bekennender VfR Aalen-Fan und geht regelmäßig zu Spielen seines Lieblings-Fußball-Klubs. Für diesen schrieb er auch eine Hymne, die mittlerweile im Stadion des Vereins läuft.

webbaw: Ich bin schon seit Jahren Fan von Aalen und dann kam das irgendwie, weil mir wahrscheinlich langweilig war und noch ein ziemlich passender Beat rumlag. Dann habe ich das ins Internet gestellt und ohne große Erwartungen auch an die Offiziellen des Vereins geschickt. Drei, vier Wochen später kam eine Rückmeldung, in der mir dafür gedankt und angefragt wurde, ob man das Lied denn auch im Stadion und Fanradio spielen könnte. Da habe ich natürlich ja gesagt und zwei Wochen später ein Trikot mit den Unterschriften aller Spieler geschickt bekommen.

Wie fielen die Reaktionen der Fans aus?

webbaw: Ich hab bei Facebook Freundschaftsanfragen von Leuten bekommen, die ich nicht kannte, sich aber im Nachhinein herausgestellt hat, dass das Aalen-Fans sind. Mir haben auch viele Leute gesagt, ich wäre schon voll der Star in Aalen. Und ich kriege fast jede Woche Mails, in denen nach der nächsten Hymne gefragt wird. Dann haben wir uns überlegt, eine Aalen-EP zu machen, aber irgendwie hat das nicht so geklappt. Ich habe auch mit den Offiziellen des Vereins wegen eines Sponsorings gesprochen, aber das geht von deren Seite aus halt nicht.

Chinchiller: Wenn die dann in der zweiten Liga sind, geht es ab!       

Ich zitiere nochmals aus der neuen Chinchiller-EP: „Manche rappen über Sex und Carmen Electra und wieder andere über Fußball, pffff, Ballermann-Rapper“. Ist das als ein kleiner Seitenhieb gegen webbaw zu verstehen?
(beide lachen)

webbaw: Bevor die EP rausgekommen ist, hat Chinchiller mich noch gefragt, ob mir die Line etwas ausmacht. Ich habe natürlich nein gesagt, denn das wird ja sowieso keiner merken. Und jetzt kommst du!

Chinchiller: Ich möchte die Geschichte jetzt nicht allzu krass ausbreiten, aber es war halt so, dass wir uns vor kurzem eine Zeit lang nicht besonders gut gesotten waren. Ich habe dann einfach mal drauf los geschrieben und später festgestellt, dass die Line da super passt. Aber ich habe ja auch keinen Namen genannt und wollte das auch nie. Das war halt zwischen den Zeilen eine kleine Anspielung darauf. Aber ich mag seine Fußballlieder ja trotzdem.

Es ist mittlerweile 14 Uhr an diesem wechselhaften Sonntag. Wir sitzen in Chinchillers Küche. Eine Kippe wird nach der anderen geraucht. Alkoholfreies Bier fließt in anständigen Mengen. Die beiden freuen sich sichtlich über das Interview. Wir reden viel über die lokale Szene. Ich entdecke in einem Küchenregal KRS Ones HipHop-Bibel „The Gospel Of HipHop“.

webbaw: Ich habe früher sehr viel gemalt. Das hat sich aber mittlerweile gelegt. Das Talent war jetzt wahrscheinlich auch nicht so groß. Das einzige, was ich noch oft neben Rap mach, ist das DJing. Das mache ich halt daheim, wenn ich Zeit und Lust habe. Aber ich interessiere mich auf jeden Fall für alles, was mit HipHop zu tun hat. Egal ob das jetzt Beatbox, Rappen, Graffiti oder Breakdance ist. Ich finde es auch schade, dass auf heutigen HipHop-Jams eigentlich nur noch Rap stattfindet. Vor einem Jahr habe ich in Gmünd versucht eine Jam aufzuziehen, bei der alles am Start ist. Leider ging da dann nichts.

Ist es denn überhaupt wichtig, dass die Elemente zusammen stattfinden?

webbaw: Ich finde schon. Es gehört zusammen und ist so auch entstanden. Man kann nicht sagen, HipHop ist jetzt nur noch Rap.

Es gibt ja zum Beispiel auch genug Sprüher, die aus der Rock-Ecke kommen und gar nichts mit Rap zu tun haben!?

Chinchiller: Das Stimmt. Ich hab auch schon mal jemanden auf „Viva Colonia“ breaken sehen. (lacht)

webbaw: Man muss sich zwar nicht auf HipHop versteifen, aber es gehört einfach dazu. Man kann ja trotzdem an anderen Jugendkulturen teilnehmen. Diese Anti-alles-Einstellung aus dem Punk findet man ja zum Beispiel auch bei uns.

Chinchiller: Ich denke, so ein bisschen Mischmasch und Abkapselung lässt sich nicht wirklich vermeiden. Aber man kann ja trotzdem versuchen, wenn man das unter dem Banner einer HipHop-Jam veranstaltet, dass auch eine HipHop-Jam sein zu lassen.

Chinchiller redet sehr gerne und präzise. Verfällt geradezu ins Plaudern. webbaw wirkt ruhiger. Nuschelt manchmal sogar. Beide betonen vor dem Interview, dass sie sich in vielen Dinge nicht einig sind und vergewissern sich, dass das auch beim abtippen des Interviews berücksichtigt wird.

webbaw: Es kommt darauf an wie man es meint. Wenn du nur aus Jux und Laune rappst, um damit dein Geld zu machen, dann ist das meiner Meinung nach kein HipHop mehr.

Chinchiller: Bushido.

Bushido ist nicht HipHop?

Chinchiller: Das ist der, der am wenigsten von allen mit HipHop zu tun hat.

Warum?

Chinchiller: Der hat mal in einem Interview gesagt, und das ist mir wirklich sehr nahe gegangen, dass er sich jedes Mal freut, wenn er abends aus dem Studio geht und daheim Rammstein hören kann.

Glaubst du nicht, dass das jetzt eher Provokation war?

webbaw (unterbricht Chinchiller): Klar war das Provokation. Er hat ja jetzt auch einen Track mit DJ Premier gemacht. Ich habe den Track nicht gehört, man hat mir aber gesagt, dass er darin scheinbar auf HipHop-Moralapostel machen würde.

Chinchiller: Ich finde, wenn du so eine Position hast wie Bushido und so in der Öffentlichkeit stehst, dann schaffst du dir ja nicht nur kommerziell, sondern auch in der Szene ein bestimmtes Image an. Und wenn er jetzt tatsächlich diese Back-To-The-Roots-Sachen annehmen würde, dann würden ihm das die Heads nicht abnehmen und seine bisherigen Fans sagen sich, den Scheiß möchten wir nicht hören. Und dann ist er ganz schnell am Sack. Ich konnte mit Bushido halt nie etwas anfangen. Der hat mit „Schmetterlinge“ und „Augenblicke“ zwei annehmbare Tracks gemacht, aber das sind genau diese zwei Lieder, die höre ich so auf rappers.in rauf und runter.

webbaw: Ich sag nie von vornerein, dass ein Rapper schlecht ist, weil ich sein Image nicht mag oder aus Prinzip. Es gibt sicherlich viele gute Tracks von ihm, aber es ist tatsächlich so, dass er dieses Image hat und auch nie wieder loskriegen wird.

Braucht HipHop solche „Feindbilder“?

webbaw: Ne, eigentlich braucht es das nicht, aber es entsteht einfach. Dieser Battle-Gedanke gehört ja auch zum HipHop dazu.

Chinchiller: Ich hab ja auch nix gegen Battle, aber das was Bushido macht, ist ja auch keine Battle-Musik.

Was macht Bushido?

Chinchiller: Wenn er wenigstens aus dem Ghetto kommen würde, dann würde ich sagen Ghetto-Musik. (überlegt) „Juhu,-ich-habe-15-jährige-Fans“-Musik.

Die hat Samy Deluxe doch bestimmt auch?

Chinchiller: Aber sicherlich nicht so viele. Das glaube ich nicht. Und wenn, dann kommen die aus einer ganz anderen Sparte. Da muss ich mal eine kleine Anekdote erzählen. Als ich noch in Paderborn gewohnt habe (Chinchiller zog erst 2008 in den Süden, Anm. d. Verf.), war ich auf einer Jam und da kam so ein kleiner Frauenarzt-Fan auf mich zu. Dann habe ich dem mal was von Dendemann vorgespielt und er meinte, er kenne Dendemann nicht. Ich wollte ihm das erst gar nicht glauben, aber der Name hat ihm überhaupt nichts gesagt. Gut, das ist eine andere Generation, aber… (macht eine längere Pause) …ich glaube, ich rede mich gerade um Kopf und Kragen. (lacht)

Chinchiller unterscheidet zwischen Rapper und MC. Er erklärt ausführlich wie das MCing entstanden ist und gibt daraufhin zu, dass er die Rapper-/MC-Unterscheidung braucht, damit er sich von schlechteren Wortakrobaten abgrenzen kann. Ein Rapper rappt und ein MC lebt Rap, lautet seine Definition. Auch webbaw hat klare Meinungen. Vor allem wenn es um die Stuttgarter Jungs von DOEP.RECORDZ geht.

webbaw: Ich habe sehr viele Jams von denen besucht. Zwei. (beide lachen) Bei einer bin ich auch selber aufgetreten und das ist jetzt auch schon gut zwei Jahre her, aber die Jungs waren so arrogant, eingebildet und unsympathisch. Die sind auch schon mal hier bei uns aufgetreten und was soll ich sagen, die können das einfach nicht. Na ja, wie gesagt, die mag ich halt nicht.

Seid ihr mal aneinandergeraten?

webbaw: Nein, überhaupt nicht. Ich habe auch nie wirklich was mit denen zu tun gehabt. Aber ich finde die Art wie die Stuttgart repräsentieren scheiße. Die Musik geht halt gar nicht.

Chinchiller, der mit bürgerlichem Namen Sven heißt, zeigt mir sein Homestudio. Es ist so ausgestattet, wie man es von einem Rapper seiner Art erwartet hätte. Zwei Flachbildschirme, ein T-Bone SC 450-Mic, ein Mixer von Behringer, zwei Studiomonitorboxen und eine Soundkarte von TerraTec. An der Wand entdecke ich neben Bildern von Freunden ein Autogramm von Kool Savas. webbaw und Chinchiller sind nicht nur aktive HipHopper, sie sind zum großen Teil auch noch Fans geblieben.

Chinchiller, du hast ja mit Serk von Main Theme Records aus Berlin zusammengearbeitet. Wie kam das zustande?

Chinchiller: Ein Kollege von mir, der Owmen aus Paderborn, hatte damals auf einem seiner Mixtapes ein Shout-Out von She-Raw. Ich fand das geil, dachte mir aber, ich kann ja jetzt auch nicht She-Raw nehmen. Deshalb habe ich über MySpace einfach mal bei Serk angefragt. (lacht) Ich hab die Mucke von dem aber auch schon vorher gefeiert. Jedenfalls kam von ihm eine Antwort, in der er meinte, dass das mit dem Shout-Out kein Problem wäre. Dann hab ich gleich mal nachgefragt, wie es denn mit einem Feature aussehen würde. Wir haben daraufhin unsere Nummer ausgetauscht, er hat mich angerufen und ich hab ihm gesagt, was ich mir so vorstellen könnte. Er wollte dann zwar ein bisschen Geld dafür haben, das war jetzt aber auch nicht allzu viel. So entstand der Track. Wenig später kam er dann noch mal auf mich zurück und fragte seinerseits an, ob wir denn nicht noch mal einen Track fürs Internet machen könnten. Ich wollte das aber gerne persönlich machen und war dann bei ihm in Berlin. Wir haben Wurzelpeter gesoffen und aufgenommen. Auf jeden Fall ein sehr cooler Typ.

Heute soll es noch auf das Frühlingsfest nach Stuttgart gehen. Man bietet mir an, mich mitzunehmen, damit ich nicht wieder Bahn fahren muss. Im Auto verrät mir Chinchiller, dass er gerade auf einem Toten-Hosen-Trip ist. Ich überlege, ob das in das Bild passt, das mir Chinchiller im Laufe des Gesprächs von sich vermittelt hat.

Eins ist auf alle Fälle klar: So lang es Leute wie webbaw und Chinchiller gibt, muss man sich keine Sorgen um die regionale HipHop-Szene machen. Diese Jungs vertreten vielleicht nicht immer den Zeitgeist, aber sie ziehen ihr Ding mit Leidenschaft und Einsatz durch. Diese Jungs gründen kein Pseudo-Label, wollen damit das Game übernehmen und sind in zwei Jahren eh auf Elektro. Diese Jungs machen HipHop des HipHops wegen. So albern das vielleicht für manch einen klingen mag, sie fahren damit sehr gut.

 

Interview, Text & Fotos: Stefan Pan

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