29.10.2011 Interview: Sickless







Der Marienplatz im Stuttgarter Stadtbezirk Heslach ist nicht nur der zentrale Startpunkt der Zahnradbahn Zacke, sondern auch die aktuelle Homebase des gebürtigen Aaleners Sickless. Ein Rapper, der mit 16 seinen ersten Tonträger in virtueller Form unter die interessierten Musikhörer brachte und dadurch vor allem Menschen mit mzee.com-Account ein Begriff sein dürfte.

Doch wer jetzt frühzeitig „Internet-Rapper“ schreit, sollte sich noch einmal genauer mit Sickless auseinandersetzen. Mittlerweile ist nämlich nur noch wenig so, wie es noch vor fünf Jahren war. Live-Shows wurden gespielt, Musikvideos gedreht und ein Team von Gleichgesinnten um sich geschart. Da ist kein 16jähriger mit Dachbodenkinderzimmer und Digital Subscriber Line mehr am Start, sondern ein aufstrebender Künstler, der anfängt tatsächlich brauchbare Visionen zu entwickeln. Doch so ganz kann und will er sich von dem Image des HipHoppers mit WLan-Affinität trotzdem nicht losreißen.

Sickless: Internet-Rapper ist immer so negativ behaftet, aber im Prinzip bin ich schon einer. Ich bin in diesem mzee.com-/Rhyme-Battle-Forum meine ersten zwei aktiven Jahre ja so ein bisschen groß geworden. Früher hat man halt etwas geschrieben und dadurch gleich Feedback gekriegt. 2006 habe ich da mein erstes Werk „Zweitausendundsick“ gepostet und gleich 20 Seiten lang Antworten bekommen. Bei „Einsickartig“ ist das heute schon nicht mehr so. Diese Base wie vor fünf Jahren ist dort einfach weg. Ja, das hat mich damals schon angespornt. Internet-Rapper auch deshalb, weil ich anfangs im Vergleich zu jetzt sehr wenige Auftritte hatte. Die ersten drei Jahre hatte ich weder eigene Shows noch Open Mics. Das hat sich aber alles mit dem Umzug nach Stuttgart und den Connections, die man hier geknüpft hat, komplett geändert.

Du kommst ursprünglich aus Oberkochen bei Aalen. War da tote Hose in Bezug auf HipHop?

Sickless: In ähnlichen Ballungszentren wie Aalen gibt es eigentlich immer so etwas wie eine Szene, aber Aalen war wirklich komplett tot. Jetzt gibt es zwar wieder ein paar Jugendliche, die nachgerückt sind – die supporte ich auch voll – aber damals war gar nix.

Tote Hose ist in Sickless musikalischem Umfeld schon lange nicht mehr. Nach dem Videodreh zu seinem Song „Cocktailpartyeffekt“ schlossen sich er und ein paar Weggefährten, die in den letzten zwei, drei Jahren zu ihm gestoßen sind, zusammen, um den Künstlerverbund „wirscheissengold“ zu gründen. Ein Kollektiv, das dem losen Bund aus befreundeten Rappern, DJs, Produzenten und Grafikern ein Gesicht geben soll. Nicht Geld ist der Motivator der ganzen Unternehmung, sondern die Freude daran sich gegenseitig zu pushen.

Der junge Rapper weiß mit den unterschiedlichsten Medien umzugehen und sich entsprechend zu präsentieren. Kein Wunder, dass Sickless bekennender Kinofanatiker mit einer Vorliebe für Filme ist, die fernab der glitzernden Hollywood-Welten entstanden sind. Seine Presseinfo tituliert seine Musik sinnigerweise als „bunten Schwarzweißfilm“.

Sickless: Einerseits stehe ich auf die ultra-trashigen Asia-Dinger wie „Oldboy“. Anderseits liebe ich aber auch Filme wie „La Haine“ oder „Night On Earth“ von Jim Jarmusch. Mir gefallen aber auch Comics. Deshalb ist meine Musik bunt mit vielen witzigen Späßen. Aber eben auch schwarzweiß, was langsamere Tracks wie „Wüstenblume“ widerspiegelt. Ich versuche keinen künstlichen Spagat hinzubekommen, ich bin einfach so.

Wie du es soeben angesprochen hast, lässt sich deine Musik relativ problemlos in zwei Kategorien einordnen. Auf der einen Seite haben wir typische Representer auf der anderen etwas ernstere Songs. Brauchst du diese klare Mischung, damit dir der Seelenstriptease manchmal leichter fällt?

Sickless: Ne, überhaupt nicht. Ich könnte mir sogar vorstellen ein Konzeptalbum zu machen, das sich ausschließlich mit ernsteren Themen beschäftigt. Aber dadurch, dass sich meine Albumentstehungen immer über so einen langen Zeitraum ziehen, habe ich zwischendurch immer wieder Bock auf solche richtigen Representer-Hymnen. Ich denke, würde ich mich mal hinsetzen, könnte ich auch ein komplett ruhigeres Ding machen, das einen klaren roten Faden hat. Ich persönlich mag aber Alben lieber, die verschiedene Facetten abdecken. Ich denke, dass es das so bei mir auch immer geben wird.

Sickless redet gerne, dafür aber auch präzise und deutlich. Der Lehrer, der mündliche Noten verteilte, die ihm nicht passten, durfte sich definitiv warm anziehen. Der Mann kann, wenn er denn möchte, alles in Grund und Boden reden. Und das weiß er auch. Rein raptechnisch kann er das ebenfalls. Wie so viele andere junge Menschen, die Mitte der 2000er zu Rap fanden, hat auch Sickless das mitgenommen, was zu dieser Zeit der letzte Schrei war.

Sickless: Ich bin ja gar nicht auf eine bestimmte Richtung festgefahren, aber ich war schon krass in diesem Snaga-&-Pillath-Ding drin. Wir haben mit 15, 16 wie irre Snaga & Pillath und den alten Kollegah gehört. Und diese wie-Vergleich sind super, denn ich glaube, dass man an seiner Technik nicht besser als mit sowas feilen kann. Das ist total krass, denn man versucht dann wirklich eine Zeitlang etwas zu erzwingen und rafft sich immer wieder auf, um den nächsten Reim zu finden. Irgendwann schließt man mit diesen Punchlines ab, weil man genug davon hat, aber es bleibt halt weiterhin in einem drin. Und es fällt einem von da an einfacher den richtigen Reim zu finden, da man es für sich verinnerlicht hat.

Ein deeperes Lied ist von der Herangehensweise ja ganz anders als ein Battle-Song. In einem Battle-Song konzentrierst du dich eher auf zwei abgeschlossene Lines und im deeperen Stück auf das große Ganze. Was fällt dir schwerer?

Sickless: Die Technik-Sachen sind schwieriger. Battle- und Representer-Geschichten sind viel konstruierter und anspruchsvoller. Da fliegen bei mir auch viel mehr Zeilen raus. Da feiere ich ganz schnell mal was und finde es am nächsten Tag scheiße. Die ruhigen Dinger schreib ich dagegen auch eher mal runter, weil die meistens aus der Laune heraus entstehen. Ich würde da jetzt zwar nie „geben“ auf „leben“ reimen, aber das ist alles schon eher am Stück mit einem roten Faden. Und wenn man da im Vorfeld gut trainiert hat, fällt es einem auch leichter die richtigen Reime zu finden.

Steht für dich der Reim im Vordergrund oder der Inhalt?

Sickless: Beides. Denn es fällt mir sehr schwer deepe Sachen zu hören, die schlecht gereimt sind. Aber andersrum ist es halt genauso. Ich versuche da immer den Spagat.

Wenn du jetzt den geilsten Inhalt in zwei Zeilen gepackt hast, kannst aber nur „geben“ auf „leben“ darauf reimen, würdest du die Zeile trotzdem streichen?

Sickless: Ich glaube, ich würde die nicht nehmen. Ich finde einfach, dass das für mich Hand in Hand geht. Wenn man seit sechs Jahren Musik macht, kann man das nicht mehr voneinander trennen. Da entstehen Songs nur, wenn beides passt. Ich würde nie sagen, dass der Inhalt super, aber die Reime scheiße sind. Das wächst miteinander.

Sickless war zum Zeitpunkt des Interviews gerade mal junge 21 Jahre alt. Trotzdem studiert er schon im fünften Semester Medienwirtschaft. Ruckzuck das Abitur abgeschlossen und dann „dank“ einer Armverletzung ausgemustert. Ob gewollt oder ungewollt, Sickless verliert keine Zeit. Trotzdem ist er nicht in Eile. Er ist von sich überzeugt und wenn der große Erfolg noch eine Weile auf sich warten lässt, dann ist ihm das auch egal.

Sickless: Man bekommt immer so viel zurück wie man reinsteckt. Ich bin fest davon überzeugt – in allen Lebensfacetten – dass sich Qualität auf lange Sicht immer durchsetzt. Ich bin da auch gar nicht ungeduldig. Man macht und arbeitet, aber ich käme nie auf die Idee zu sagen, dass das, was man bisher zurückbekommen hat, zu wenig ist. Ich bin generell eher ein Down-to-Earth-Typ.

Du bist momentan im fünften Semester, dein Start in die Arbeitswelt liegt also nicht allzu weit entfernt. Wie gehst du mit möglicherweise anstehenden Zeitengpässen, die sich auf deine Musik auswirken könnten, um?

Sickless: Ich hoffe, dass ich immer Zeit für die Musik finden werde. Auch in meinen stressigeren Lebensphasen habe ich es bisher immer geschafft den einen oder anderen Text zu schreiben. Ich denke schon, dass sich immer mal wieder ein Tag finden lässt, an dem man das ganze Zeug auch aufnehmen kann. Wenn Leute sagen, sie hätten überhaupt gar keine Zeit, um irgendetwas Bestimmtes zu tun, dann nehme ich denen das nicht so recht ab. Wenn man eine Sache wirklich, wirklich liebt, dann findet man auch Freiräume dafür. In einer Zeit, in der sich das eigene Leben umstellt und man in die Arbeitswelt einsteigt, passiert ja auch wieder einiges im Kopf. Und dadurch, dass ich über die Jahre ein Output-Mensch geworden bin, verarbeitet man das eh irgendwie. Und das öffnet dann wieder neue musikalische Türen. Ich brauche dieses Ventil, ich muss immer irgendetwas vor mir hin werkeln.

„Ich sag zwar in Interviews mir geht‘s grad richtig gut, doch eigentlich träum ich von einem Leben wie im Bilderbuch“ Strebst du langfristig das Startum an?

Sickless: Ne, überhaupt nicht. Ich mache das alles auch gar nicht, um irgendwann mal groß rauszukommen. Ich finde es nur  schön, wenn man mit Sachen, in die man so krass viel Herzblut reinsteckt, wachsen kann.“Leben wie im Bilderbuch“ war auch weniger auf das Musik-Ding bezogen, sondern generell darauf im Leben mit etwas Geld zu verdienen, was einem Spaß macht.

Studium, Tochter, Musik und Fußball. Die großen vier Pfeiler im Leben des Sickless‘. Und dabei scheint er sich wohlzufühlen. In alle vier Punkte steckt er große Leidenschaft. Er kann schon manchmal übers Ziel hinausschießen, doch dabei ist er stets herzlich. Der Typ von Mensch, der bei Gruppenarbeiten ohne Widerrede vorträgt. Seine Tochter spielt bei den vier angesprochenen Pfeilern selbstverständlich die größte Rolle. Der Rapper, der inhaltlich gleich die Tochter-Karte ausspielt, ist er trotzdem nicht.

Sickless: Das ist meine Musikseite und ich will inhaltlich nicht gleich auf das Tochter-Image festgelegt werden. Ich versuche es mit einspielen zu lassen, aber ich möchte es nicht übertreiben. Ich habe im Rahmen von „Einsickartig“ einen Song namens „Like Father, Like Daughter“ gemacht, in dem ich das komplette Ding mit allen Emotionen behandele. Ich wollte es jetzt erst mal dabei belassen. Man merkt es mir vielleicht an. Ich werde auch bei den privateren Tracks nie so richtig konkret. Ich versuche alles immer nur ein bisschen anzuschneiden.

Nimmst du alles etwas ernster seit deine Tochter da ist? Das Studium zum Beispiel?

Sickless: Schwierig. Ich hab das Studium auch vorher schon relativ ernst genommen, aber es ist schöner, dass man jetzt weiß wofür man das alles macht. Davor hat man halt studiert und geschaut wohin es danach geht. Nun studiert man, freut sich, dass das immer noch das ist, was man studieren möchte, und weiß, dass die Kleine aufwächst und man ihr später einen einigermaßen sicheren Rahmen bieten kann. Ich sehe das Ganze nicht unbedingt ernster, aber bewusster.

Man hat förmlich das Gefühl, dass Sickless froh ist, diese Möglichkeit eines Interviews endlich mal geboten bekommen zu haben. Er nimmt jede Frage ernst, holt weit aus und gibt Antworten, die auch gleich drei weitere Fragen mit beantworten. Ohne Zweifel nimmt man ihm ab, dass er andere Menschen mitreißen und inspirieren möchte. Zwar ist noch nicht jede Aussage und Idee zu 100% fertig gedacht, doch das kann man ihm ebenso wenig vorwerfen wie pubertierenden Jungs das Gutfinden des Otto-Unterwäsche-Katalogs.

„Leute nenn‘ mich arrogant, ich hab sie nie kennengelernt!“ Man bekommt beim Hören deiner Musik des Öfteren Gefühl, dass dir deine Außenwirkung sehr wichtig ist?!

Sickless: Meine Ex-Freundin hat zu mir gesagt, dass es ganz schrecklich wäre wie ich immer versuche es allen Recht zu machen. Und wenn ich dann von 100 Leuten 96 mal gutes Feedback bekomme und nur vier Leute, die sich das Zeug nicht mal richtig anhören, sagen, dass sie Sickless nicht hören, weil der übel arrogant ist, dann ist mir das nicht egal, sondern ich möchte mich erkundigen, warum die denn da drauf kommen.

Das könnte also bedeuten, dass die gerade zitierte Zeile nur eine Kleinigkeit war, die du aufgebauscht hast?

Sickless: Richtig. Damit wollte ich gar nicht sagen, dass mich so viele Leute arrogant finden. Ich habe ja schon erwähnt, dass in Aalen damals gar nichts ging. Ich war der einzige, der was gemacht hat. Deshalb kannte man mich in Aalen irgendwie. Ich war halt „der Rapper“. Und da kam es schon mal vor, dass mich Leute gegrüßt haben, die ich gar nicht so richtig kannte und daraufhin hieß es halt, dass ich arrogant wäre, weil ich eben nicht entsprechend zurück gegrüßt habe. Also diese Zeile im speziellen war gar keine große Sache.

Sickless bewohnt gemeinsam mit einem Freund eine geräumige Drei-Zimmer-Wohnung. Diese Art von Wohnung, die wie eine typische Studenten-WG des 21. Jahrhunderts gestaltet ist, auf die die Bewohner – mit Ausnahme der „verdreckten“ Küche – durch die Bank stolz sind. Überall an den Wänden hängen Plakate, Flyer und Andenken an vergangene Erlebnisse. Die Raumgestaltungen werden wahrscheinlich erst mit dem Auszug vollendet sein. Schlichtweg ein Jungs-Museum.

Sickless: Ich bin überhaupt kein schwieriger Mitbewohner. Wir haben wohl die chilligste WG überhaupt. Er ist einer meiner besten Freunde – doch nicht der beste, sonst würde das auch gar nicht klappen – aber wir sind sehr respektvoll im Umgang miteinander.

Sickless ist sichtlich erfreut über das Gespräch, das er nun hinter sich gebracht hat. Er formuliert auf eine lebendige Art und Weise aus, wie er dieses Interview in seine kommenden Promo-Aktionen integrieren wird. Als Dankeschön schenkt er mir als leidenschaftlicher Abonnent, der er nun mal ist, die aktuelle Ausgabe des „Business Punks“ und eines seiner neuen Einsickartig-T-Shirts. Man wird das Gefühl nicht los, dass dieser junge Herr, der da vor einem steht, zwar viel von sich hält, aber etwas dafür tut, dass man es auch als Außenstehender tun möchte.

Ich trete reich beschenkt den Heimweg an. Sickless wünscht mir ein gutes Ankommen und ruft noch kurz hinterher, dass er jetzt seine Abendgestaltung planen wird. Morgen hat er nämlich Geburtstag. Happy Birthday!

 

Interview, Text & Fotos: Stefan Pan

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