04.09.2013 Interview: Samadhi




Am 6. September erscheint Samadhis Album „Alles & Mehr“ über Tommy W.s Label TerraSound. Für den 29jährigen Geraner nicht nur ein weiterer Schritt in Richtung Professionalität, sondern auch ein Kraftakt, der ihm eine Freundschaft, neue Skills und sein bisher hochwertigstes Werk einbrachte. Wir haben Samadhi im Studio besucht, exklusiv in das neue Album hineingehört und ihm ein paar Fragen zu seiner Musikkarriere, seiner Jugend in Ostdeutschland und dem Verlangen von Gagen gestellt.

„Ich nick‘ immer noch mit dem Kopf, ich bin und bleib Fan“, rappt Samadhi auf der eingängigen HipHop-Liebeserklärung „Immer noch“, die das Album nicht nur eröffnet, sondern auch gleich die Richtung für die 12 Tracks plus Intro und Outro vorgibt. Der 2001 von Gera nach Stuttgart gezogene Rapper möchte sich nicht mit den jungen wilden Video-Battle-Rappern messen, die, ausgestattet mit Internet-Flatrate, im Wochentakt neue Schmähclips hochladen. Nein, er möchte viel lieber HipHop mit musikalischer Tiefe und einer Vision produzieren, die nicht nur den silbenzählenden und punchlinesammelnden Anteil der Rap-Hörerschaft erreichen soll. Nicht, weil er nichts mit besagten jungen Wilden anfangen kann, sondern weil er HipHop einfach anders kennengelernt hat.

Bereits vor seinem Umzug in die schwäbische Stadt der Autobauer griff er zu Stift und Papier. Mit dem Neubeginn in Baden-Württemberg sah er jedoch die Chance gekommen, seine musikalischen Ambitionen ernster zu nehmen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre nahm er Alben, EPs und Songs auf, spielte über 200 Live-Shows – unter anderem im Vorprogramm von Method Man & Redman, Kool Savas und Samy Deluxe – oder engagierte sich in den unterschiedlichsten HipHop-Projekten für Kids und Jugendliche. Mittlerweile wohnt Samadhi wieder in der Nähe seiner alten Heimat. In Mittweida, um genau zu sein, wo er sich nun im Rahmen des Medienmanagement-Studiums auch theoretisches Wissen über die Musikindustrie aneignen möchte. „Was auch immer es ist, ich bleib bei dir“, beschreibt Samadhi da nur folgerichtig auf dem neunten Song des Albums „Letztes Hemd“ sein Verhältnis zum Rap. Denn er meint es sehr ernst mit seiner Musik.

Samadhi: Ich habe immer versucht den professionellen Modus zu fahren. Das geht halt nicht immer, wenn du nur der MC oder Back-Up auf der Bühne bist. In jeder Situation habe ich aber versucht, so professionell wie möglich zu arbeiten. Das Studium gibt mir jetzt zwar die Möglichkeit zu lernen, was wichtig ist und worauf ich aufpassen muss, aber das sind alles eher business-interne Dinge. Da geht es eher um Rechtliches oder Promotion- und Geschäftspläne. Durch das Album bin ich einfach erwachsener geworden und habe gelernt, auf was ich achten muss.

Doch gehen wir zurück in eine Zeit, in der Puff Daddy noch Godzilla-Soundtracks produzierte und die Chicago Bulls die Instanz in Sachen Basketball waren. Damals lebte Samadhi in Gera und besuchte seine ersten Rap-Shows. Dynamite Deluxe und Too Strong eröffneten dem pubertierenden Marcel Nagler – wie Samadhi mit bürgerlichem Namen heißt – eine völlig neue Welt. HipHop war der maßgeschneiderte Soundtrack seiner Skateboard-Sessions. Als bummtschack-verliebter Jungspund mit VVS-Verbundspass und HipHop-Open-Dauerkarte kann man sich die stundenlangen Fahrten eines Thüringers in die nächste HipHop-Hochburg gar nicht vorstellen. An das HipHop-Schlaraffenland, wie Samadhi Stuttgart im Interview bezeichnet, war damals noch nicht zu denken. Und nicht nur das geringe Vorkommen der vier Elemente in der drittgrößten Stadt des Freistaat Thüringens war ein Problem.

Samadhi: Zu der Zeit, als ich jung war, war es dort unglaublich rechtslastig. Wir haben uns eigentlich jeden Tag mit den Nazis geprügelt. Du warst als HipHopper oder Skateboarder mit breiten Hosen eine Randerscheinung und musstest dich immer verteidigen. Weil du dich aber immer wieder verteidigen musst, wächst du in dieses Gefühl hinein und wirst ein Teil davon. Ihr könnt mir jetzt auf die Fresse hauen, aber umso mehr werde ich diese Kultur leben.

Ich frage Samadhi, ob er sich von der lokalen Szene gebührend gewürdigt fühlt. Tommy W., der das Interview interessiert verfolgt, unterbricht daraufhin das Gespräch mit einem nachvollziehbaren Einwand: „Wird überhaupt jemand gebührend gewürdigt?“ Samadhi und ich einigen uns darauf, dass es von der Sichtweise jedes einzelnen abhängt. Tommy W., der in den letzten Jahrzehnten mit den wirklich großen der deutschen Musikindustrie wie Gentleman, Freundeskreis, Afrob oder Joy Denalane zusammenarbeiten durfte, hakt nach.

Tommy W: Was jeder einzelne denkt und fühlt, versuche ich mir gerade zu überlegen. Und ich würde sagen, kein Mensch behauptet, er wurde gebührend gewürdigt.
Samadhi: Worüber ich immer froh war, war, dass meine Live-Shows immer so gut angekommen sind. Und ich sehe sowieso meine Stärke darin, auf der Bühne zu stehen und den Menschen ein gutes Gefühl zu geben. Was ich allgemein schade finde, ist, dass die Jams hier nicht so gut besucht sind. Supportet wird das schon, aber die Dankbarkeit ist nicht ganz so groß, wie sie sein könnte.

Es hat seinen Grund, dass Tommy W. mit uns am Tisch sitzt. „Alles und Mehr“ ist im Grunde kein reines Samadhi-Projekt. Ohne den Stuttgarter Produzenten, der ein professionelles Studio und die richtigen Beats zur Verwirklichung der Platte bot, hätte das Album möglicherweise nicht diesen organischen Sound verliehen bekommen. Denn statt eines Loops, dem für die Hook einfach ein weiteres Bauteil angehängt wird, hat Tommy W. Beats geschaffen, die diese simple einsilbige Bezeichnung gar nicht verdient haben. In Stücken wie „Mach neu“ baut sich das Instrumental im Vers auf, bis es im Chorus letztlich explodiert. So klingt Musik, die nicht innerhalb von fünf Minuten mit einem Laptop und der aktuellen Version von Fruity Loops produziert wurde.

Im Rahmen der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Freundschaft. Beinahe täglich telefoniere man mittlerweile. Tommy W. steht Samadhi stets zur Seite. Sei es bei musikalischen Fragen oder geschäftlichen Punkten, er ist ein wichtiger Motor für das Vorwärtskommen des Rappers. Der Stuttgarter Zeitung erklärte Samadhi bereits, dass er von nun an Gagen für seine Auftritte verlangen würde: „Es war wohl die schwierigste Kurve, die ich genommen habe – vom Hobby-Entertainer zum professionellen Musiker.“ Doch gerade eine lokale Szene wie unsere, in der viel über Freundschaften und gegenseitige Hilfe passiert, könnte diesen Schritt möglicherweise in den falschen Hals bekommen. War diese Entscheidung am Ende des Tages vielleicht ein Schuss in den Ofen?

Samadhi: Ich habe in so vielen Jugendhäusern gespielt und so viel Geld investiert, dass ich jetzt einfach sichergestellt haben möchte, dass ich es mir mit den Leuten, die ich mitbringe, nicht versaue. Deshalb ist es mir wichtig, dass zumindest die Unkosten der Leute, die ich mitnehme, gedeckt sind.
hhs.de: Was beinhaltet der Schritt hin zum professionellen Musiker noch, außer nur Gagen für Auftritte zu verlangen?
Samadhi: Sehr viel: Du musst anfangen dich richtig zu organisieren, du musst anfangen Promotionarbeit zu machen, professionelles Auftreten, deine Logos müssen einheitlich aussehen. Mittlerweile ist es halt ein Produkt, hinter dem viel mehr steht als nur ein lustiger Abend, an dem ein MC auf die Bühne geht. Gerade durch den Schritt mit dem Tommy steckt da nochmal viel mehr Herz, Blut, Schweiß und Investition drin. Das Produkt hat jetzt eine Wertigkeit, die es früher nicht hatte.
hhs.de: Ist dir erst im Laufe der Arbeiten an „Alles & Mehr“ die Größe dieses Projektes bewusst geworden?
Samadhi: Ja, absolut. Früher habe ich halt EPs gemacht, drei Tage aufgenommen, abgemischt und fertig. Auf was man jetzt aber alles achten muss, von den Verträgen, den Videos bis hin zum Budget. Wir wollten eigentlich auch schon viel früher releasen, bis wir uns dann mal zusammengesetzt und einen Zeitplan erstellt haben. Dann siehst du, dass der Vertrieb, das Presswerk oder der Grafiker auch eine gewisse Zeit benötigen. Wie sich das durch diese Abhängigkeiten alles nach hinten zieht, musste ich erst mal begreifen. Das ist so ein riesiger Berg an Arbeit, den ich aber total zu lieben gelernt habe.

Samadhi und Tommy W. ziehen ihr Ding gemeinsam durch. Hochdotierte Etats stehen ihnen dabei ebenso wenig zur Verfügung wie Mitarbeiter, die sich um die Promotion oder den frischen Kaffee für die Nachtsessions kümmern. Vom Selbstbewusstsein, das nötig ist, um solch ein Mammutprojekt als Zwei-Mann-Armee durchzuziehen, erzählt auch „Lass sie labern“. Ein breitbeiniger Brecher, der der vertonte Mittelfinger an alle Menschen ist, die es wieder einmal besser gewusst hätten. „Alles & Mehr“ überzeugt aber vor allem dank seiner astreinen Kehrverse. Auf „Halbschlaf“ singsangt sich Samadhi beispielsweise durch den Chorus während er auf „Ich bin frei“ die wohl mitreißendste Hook des Albums abliefert. All das wirkt so ausproduziert, dass es der breiten Masse eigentlich gefallen müsste. Die goldene Schallplatte, die als Metapher immer wieder in Samadhis alten Texten auftaucht, ist auch für den 29jährigen ein Traum, den er gerne träumt.

hhs.de: Du verschreibst dein komplettes Leben dem Musikmachen. Was hältst du von Leuten, die da durch Zufall reinrutschen und trotzdem große Erfolge feiern?
Samadhi: Grundsätzlich gönne ich das jedem. Es ist nicht so, dass jeder seine Dues payen und erst mal zehn Jahre an der Scheiße laufen muss, bevor er erfolgreich sein darf. Ich glaube jedoch, dass die Leute, die das tun müssen, den Erfolg dann mehr zu schätzen wissen. Das subjektive Gefühl ist vielleicht cooler, wenn du weißt, wie es ist, wenn auch mal etwas nicht funktioniert. Wenn mir musikalisch etwas gefällt, freue ich mich aber für jeden.
hhs.de: Und wo würde jetzt für dich der Erfolg mit diesem Album anfangen?
Samadhi: Ich will spielen! Wenn wir gebucht werden und ich rausgehen und spielen kann, dann ist das ein Erfolg. Wir haben uns jetzt nicht das Ziel gesetzt, dass wir Gold gehen müssen oder 1000 Alben verkaufen wollen. Wir sind da realistisch und wissen, dass es unglaublich schwer wird überhaupt Fuß zu fassen. Es gibt so Kleinigkeiten, über die ich mich freuen würde. Zum Beispiel wenn ich das Radio anmachen würde und da läuft ein Song von mir.

Theoretisch kein utopischer Wunsch. „Alles & Mehr“ ist definitiv radiotauglich, sogar überaus poppig geraten. Die Inhalte und Themen sind nachvollziehbar, egal, ob man sich nun intensiv mit Rap beschäftigt und nebenher den Gesellenbrief anstrebt oder Sozialwissenschaften studiert und die eigene HipHop-Sozialisation bei Culcha Candela aufgehört hat. Die im Vorfeld veröffentlichte Single „Was“ ist Gute-Laune-Rap mit tanzbarem Cabriosound, „Superheld“ die Hymne für die Helden des Alltags und „Was wäre wenn“ das nachdenkliche Spiel mit den Alternativen. Ein pompös produziertes Werk, das mit seiner Dreiviertelstunde Gesamtspielzeit erfrischend rund und längenlos wirkt.

Am Freitag ist es dann soweit. „Alles & Mehr“ erscheint bei TerraSound und kann über Amazon, iTunes, musicload und bei ausgewählten Fachhändlern käuflich erworben werden. Samadhi und seinem Produzenten/Geschäftspartner/Freund Tommy W. sei der mögliche Erfolg gegönnt, denn ob man sich für ihre Art der Musik begeistern kann oder nicht, etwas mit Hand und Fuß haben die beiden Vollblutmusiker auf jeden Fall geschaffen. Oder um es Samadhi mit seinen eigenen Worten zusammenfassen zu lassen: „Das sind 13 Jahre Arbeit, die jetzt in dieses Album münden.“


Interview & Text: Stefan Pan (Twitter: @likeitis93)

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