26.10.2011 Joken - Allein unter Freunden


Joken „Allein unter Freunden“
Label: Eigenvertrieb
http://www.joken-productions.com

Joken begrüßt den Hörer mit den Worten „Alles, was es zu sagen gibt, hört ihr auf der EP“. Und ehe man sich verhört, startet ein vielversprechender Beat, ein sauberer Flow spuckt Standard-Streetrap-Floskeln aus und der Kopf fängt doch irgendwie an zu nicken: „Das sind 21 Jahre Frustration und Mum es tut mir leid, ich bin kein Mustersohn.“ Definitiv gleich zu Beginn der Höhepunkt der Platte.

Und was am Anfang noch nach einem Jugendlichen klang, der möglicherweise aus dem spannenden Leben eines Heranwachsenden in Zeiten der gesellschaftlichen Verrohung erzählt, wird ruck zuck zum wandelnden Abklatsch eines Talk-Show-Gastes bei Oliver Geissen. Der Junge, der hart zu beißen hat, da er keinen Ausbildungsplatz bekommt oder Probleme in der Schule hat, weicht dem klischeegeladenen Bild eines halbstarken Machos, der Ghettoisierung romantisiert und am Ende des Tages sowieso einen Fick gibt. Schade.

Joken macht es einem schwer, ihn ins Herz zu schließen. Auf der einen Seite preist er immer wieder familiäre Werte an und auf der anderen verhält er sich wie ein völlig unreflektierter Rap-Pitbull. Die Kunstperson Joken ist in sich nicht stimmig. Mit 21 Jahren darf man aber vielleicht auch nicht zu viel von ihm verlangen?! Sein Beatgeschmack ist nämlich anständig und eine musikalische Weiterentwicklung innerhalb der nächsten fünf Jahre mehr als möglich. Bis dahin ist aber „Allein unter Freunden“ Jokens State of Art.

Man könnte fast meinen, Bietigheim-Bissingen sei ein sozialer Brennpunkt der Hauptstadt und kein 43.000 Einwohner Städtchen nördlich von Stuttgart. Sozialwissenschaftler hätten eine helle Freude daran, an Joken und seinem Umfeld eine Milieustudie durchzuführen. Joken möchte, dass man ihn als harten Typ sieht, der, wenn es seiner Meinung nach denn sein müsste, zuschlägt, abzieht und krass ist. Trotzdem spricht er von Gott, Engeln und einer liebenden Mutter, was sich alles irgendwie beißt. Möchte er jetzt ein guter Mensch oder ein leicht zu provozierender Druffi sein? Dass er beides in sich verkörpert, mag vielleicht sein, diese Ambivalenz wird dann jedoch zu oberflächlich behandelt.

In einer Zeit, in der Rapper wie Haftbefehl oder Nate57 Straßenrap auf ein neues Niveau gehievt haben, kommt Jokens musikalischer Ansatz etwas verloren daher. Er hat der Sparte nichts Neues hinzuzufügen. Seine Homies wird er mit „Allein unter Freunden“ definitiv begeistern, doch ob die EP darüber hinaus – und so ehrlich muss Joken sich selbst gegenüber einfach sein – Gehör finden wird, ist unklar.

 

Review: Stefan Pan

© 2018 Hip Hop Stuttgart | Impressum | Datenschutzerklärung | Kontakt