18.11.2011 Pyrin - Entartet


Pyrin „Entartet EP“
Label: Eigenvertrieb
http://www.pyrin.de

„Die ganze Idee mit Thomas Pyrin entstand in einer Zeit, in der es mir ziemlich beschissen ging und ich sehr viel nachdachte. Da ich insgesamt sowieso immer ein sehr reflektierter Mensch war, glaube ich, dass diese Thomas-Pyrin-Geschichte eigentliche die Konsequenz meiner persönlichen Entwicklung war. Und auch musikalisch. Eigentlich ist es die Musik, die ich schon immer machen wollte und schon immer in mir drin steckte.“

Das gab Thomas Pyrin im September diesen Jahres im Interview mit uns zu Protokoll. Keine zwei Monate später erscheint seine neue EP „Entartet“. Ein sechs-Lieder-starkes Mini-Album, auf dem Dubstep-Großtaten auf düstere HipHop-Beats treffen und mit saftigen Gedankensteaks berappt werden. Und wo die allerersten Dubstep-Versuche des neugeborenen Pyrins noch etwas holprig und unter den Beat gemischt klangen, ist auf „Entartet“ jede Line on point.

Man lädt die Stücke in seinen Player und muss erst mal schlucken. Auf den ersten Blick erzählt Thomas Pyrin komplexe Geschichten, die ihn so gedankenvoll und belesen erscheinen lassen, dass man als Neukunde seiner Musik zuallererst abgeschreckt ist. Trotzdem ist man sich irgendwie sicher, dass das hier gerade etwas richtig Gutes sein muss. In einer Welt, in der man eine deutschsprachige HipHop-Platte einmal hören muss, um sie zu verstehen, ist „Entartet“ schon etwas ganz Besonderes.

Statt dem Personalpronomen „ich“ benutzt Pyrin Worte wie „mordlustiger Zwilling im Spiegelkabinett“. Er macht es seinen Zuhörern damit zwar nicht schwer, doch auch nicht sonderlich einfach. Denn Pyrin-Texte wirken solange verschachtelt, bis man sich wirklich die Zeit zum Zuhören nimmt und den dazugehörigen Mut aufbringt, eigene Interpretationen zuzulassen. Ist das geschehen, kann das große Kopfkino beginnen.

So konkret wie auf „Friedhof der Gedanken“ an der Seite von Kanu MC wird der ehemalige Thommy Walker selten. Denn Pyrin wechselt häufig die Perspektive, schlüpft in fremde Rollen und tut es dann doch nicht. In „Freakshow“ blitzen dagegen immer wieder diese Zweizeiler, die man mit etwas Fantasie Punchlines nennen könnte, durch und verraten, auf welche Art Thomas seine HipHop-Sozialisation vollzogen hat.

„Naaa“, das mit seinem dazugehörigen Video schon seit Monaten im Umlauf ist, besticht mit einem heftigen Unwetter von Dubstep-Beat und einem eingängigen Kehrvers, der schon beim zweiten Hördurchgang im Ohr klebt. Trotzdem möchte Pyrin damit nicht das nächste Maskottchen von Stuttgart Kaputtraven sein, sondern – ganz egoistisch – immer noch eigene Gedankengänge verarbeiten.

Menschen, die in die Zielgruppe von „Entartet“ passen, stand in ihrer Kindheit eine Moral im Weg, die es ihnen verbat, gemeinsam mit ihren Freunden Regenwürmer zu quälen. Trotzdem konnten sie die Faszination an diesem gottkomplexartigen Verhalten schon immer nachvollziehen. Die „Entartet EP“ ist tolle und einfache Musik, die sich als kompliziertes Stück „Prog“ tarnt. Wer sich die Mühe macht, zuhört und nachdenkt, wird reichlich belohnt.

 

Review: Stefan Pan

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