23.08.2012 Pyrin & Heitech - 70


Label: Eigenvertrieb
http://www.pyrin.de

Ich schreib ja immer so lange Texte, ne? Aber diesesmal fass ich mich mal kurz, kompakt und prägnant. Nur: Wie fasst man sich kurz, wenn in jedem Song tausende Bilder gezeichnet werden? Mein lieber Pyrin, was verlangst du deinen Hörern da wieder ab? Wie man ihn von seinen Soloprojekten am Mic kennt, wird es hier wieder kryptisch, verkopft, in Gedankengängen verlaufend, die Umwelt verdammend, verachtend, verteufelnd, manchmal verzweifelt, aber letzten Endes auch versöhnlich. In Kombination mit Heitechs Sound, der sich dem Titel entsprechend aus dem Sound der 70er speist, wird es hier mal rumpelig, mal stampfend, mal düster, mit Samples von Schrammel-Gitarren auf knackigen Drums, surrenden Bässen, wieder mehr Boombap als frühere elektronische Ausflüge, aber keinesfalls altbacken. Die Beats drängen sich nicht in den Vordergrund, sondern liefern Pyrin eine optimale Unterlage, um seine Gedankenwelt auszubreiten.

Und so fordert er uns im Opener „70“ auf, mit ihm und Heitech zurück nach dort und dann zurück nach Zweitausendpyrin zu kommen, wo er uns erstmal die Geschichte vom unzufriedenen „Diktator“ erzählt, der um Anerkennung und Gerechtigkeit kämpfte, doch sich in der dünnen Luft an der Spitze im Kampf verliert und alles frisst, bis er nichts mehr hat. „Haus aus Papier“ blickt zynisch auf vordergründig Deepes, Gehypetes, Trendiges, Pseudophilosophisches und fordert auf, diese Scheinbilder zu verbrennen. Pyrin betrachtet sich all das von seinem „Mondkrater“ aus und bedient sich dabei vorwiegend generell kollagenartiger Texte, die mich an den Roman „Berlin Alexanderplatz“ erinnern, in denen alles passieren kann und die einem einiges abverlangen, um ihnen zu folgen. Auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die Pyrin an die Welt stellt, probiert er sogar bei der „666“ anzurufen, doch letzten Endes erweist sich auch diese nur als „eine Nummer im System“. So bleibt in „Sternenlos“ alles nur wie der Gang durch eine dunkle Nacht, ist alles voller Eindrücke, in denen man die Orientierung verliert, voll von Alltag und Ausbruch, Einbildung und Ablenkung, Widersprüchen und Trugbildern. In dieser „schwarz-weißen Welt“ bleibt Pyrin lieber ein „Grauer Mann“, der sich dem System nicht anpassen will und dem gleichsam bewusst ist, dass dies dem gefährlichen Gang auf einem Drahtseil gleicht. Dabei ist er nicht alleine, denn „Drei Freunde“ mit den entsprechenden Gästen Smoke T und Hannes Valentin sind „vereint im Kampf gegen die Zeit und ihre Regeln“, so unterschiedlich sie auch sein mögen, denn „was ist physischer Abstand bei seelischer Verwandschaft?“

Doch wenn man mit sich allein und seinem eigenen „Echo“ ist? - Schöner wurde die gedankliche Wanderung entlang des Randes des Bewusstseins wohl selten in Worte gefasst, quasi die Leiden des jungen Pyrin in musikalischer Form. Sowas muss man erstmal schreiben, in Worte fassen, nein – denken! Wenige bringen das angemessen und ohne Pathos zu Papier, Pyrin schafft es.

Doch wem das alles zu düster erscheint, dem malt er die Dunkelheit eben bunt „In jeder Farbe die du magst“, denn trotz allem gibt es einige wenige Menschen, die einem das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Spür einfach mal den instrumentalen Hauch von „Wind ins Gesicht“, oder kehre schließlich zurück zum „Wasser“ – „weg vom Festland, weg vom Asthma, ...weg vom Teufel, weg vom Laster“. Denn wenn der Mensch zu 70 (Zufall, Herr Pyrin?) Prozent aus Wasser besteht, muss er sich trotz allem Gegen-den-Strom-Schwimmens auch einfach mal treiben lassen.

So beendet Pyrin das Kapitel 70 schlussendlich irgendwie versöhnlich, jedoch nicht ohne weitere Fragen an das Leben und seine Eigenarten zu stellen. Ganz sicher ist dies keine Musik, die man so nebenbei hören kann, man muss sich schon konzentrieren (oder völlig abschalten?), um ihr folgen zu können. Heitechs Produktionen schaffen klanglich das Universum und den Rhythmus, in dem Pyrins Gedanken sich, trotz all ihrer Wirrheit, dank gewohnt überbordendem Wortschatz und in Reimform bändigen lassen und sich gleichsam entfalten können.

Fazit: Wer diese Review schon zu abstrakt findet, für den ist  „70“ eher nichts. Wer mit dem von Pyrin erwähnten „dritten Auge“ auf sich und seine Umwelt blickt, der wird es genießen.


Review: MausDef

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